Analyse und Bilanz zum Weltklimagipfel COP 24 in Kattowitz/Polen, 2.-15. Dezember 2018

Es geht weiter – immerhin

Christoph Bopp in der AZ Aargauer Zeitung vom 19.12.2018 / PW /

Beim Klima sollte man sich hüten vor Plattitüden wie: «Glas halb voll oder halb leer?» Denn das Mass ist leider schon übervoll. Um irgendetwas zu verhindern, ist es schon längst zu spät. Was noch drinliegt, ist, Schlimmeres zu verhüten.

Dennoch: Kattowitz 2018 war ein Erfolg. Man hat etwas erreicht. Viele Klimakonferenzen gingen vorüber, ohne dass etwas (Er-)Zählbares herausgeschaut hat. Das Klimaabkommen von Paris 2015 ist vorderhand gerettet. Der Prozess geht weiter. Zur Erinnerung: In Paris haben sich rund 200 Staaten (inklusive China und die USA) dazu verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen auf ein Mass zurückzufahren, dass die globale Temperatur um nicht mehr als 2 Grad Celsius steigt, besser wären 1,5 Grad. Das bedeutet klar, dass die Treibhausgasbilanz irgendwann in diesem Jahrhundert mindestens 0 sein muss. Um 1,5 Grad zu erreichen, braucht es wahrscheinlich sogar einen Minussaldo, man muss der Atmosphäre CO2 sogar wieder entziehen. Wie das technisch und einigermassen bezahlbar machbar ist, ist noch ziemlich unklar. Und von grossräumigen Geo-Engineering-Experimenten sollten wir lieber die Finger lassen. 

Paris 2015 brachte auch einen neuen Modus. Man verzichtete darauf, einzelnen Staaten Reduktionsziele vorzuschreiben. Sie sollten sich selber zu gewissen Zielen verpflichten. Das brachte auch China ins Boot, das sich bisher darauf versteift hat, ein Entwicklungsland zu sein und nicht im gleichen Mass verpflichtet, das Klima zu retten wie die Industrieländer, welche ihre Industrialisierung ungehindert durchziehen konnten. Dass China und die USA (damals noch mit Obama) sich zusammen fanden, war für das Gelingen von Paris 2015 nicht ganz unwichtig.

Wen kümmert’s, was die Welt über mich denkt?
Bereits in Kattowitz war spürbar, dass dieser Druck der beiden Riesen schrumpft. Wenn US-Präsident Trump aus der Klimakonvention austreten will, befürchtet China in Zukunft unlauteres Spiel. Und dass sich Russland und einige Erdölstaaten bereits querstellen, Indien mit weiteren Selbstverpflichtungen zögert, lässt nichts Gutes vermuten. Vielleicht war Kattowitz die letzte Chance, bevor das Fenster wieder zugeht. Donald Trump hat mehrfach bewiesen, dass ihm total egal ist, was der Rest der Welt über ihn denkt: «America first» und keine Kompromisse. Solange eine Mehrheit der Amerikaner das gut findet, wird es schwierig mit dem Prozess. Man vertraut darauf, dass es bei Ländern, die es nicht so genau nehmen, reicht, wenn öffentlich gemacht wird, dass eigenen Worten keine eigenen Taten folgen. «Naming and Shaming» hat aber eben auch mit Scham zu tun. Und wer glaubt, sich nicht mehr schämen zu müssen, . . .

Ist die aktuelle Version unseres CO2-Gesetzes zukunftstauglich?
Offen blieb in Kattowitz, wie es mit dem Emissionshandel weitergehen soll. Eigentlich wollte man das erst auf der nächsten Konferenz definitiv regeln. Aber im Regelbuch steht jetzt, dass nur Staaten am internationalen Handel teilnehmen dürfen, die auch konkrete Ziele zur Begrenzung des Ausstosses verfolgen. Ob das Schweizer CO2-Gesetz, das keine Ziele im Inland festschreiben will, dem genügt? Wer mit dem Argument des «Klimanationalismus» kommt, hat nicht realisiert, dass alle Staaten irgendwann auf null kommen müssen. Es geht nicht mehr nur ums Reduzieren. Auch wir müssen runter.

Ein Punkt, dem man ebenfalls Beachtung schenken müsste, sind die Finanzmärkte. «Wird der Versuch, den Planeten zu retten, in einen Finanzcrash führen?» fragte Michael Le Page im «New Scientist» schon im Juli 2017. Befürchtungen, dass einschneidende Klimapolitiken den Märkten einen Schock versetzen könnte, weil die Investments in die Carbon-Industrie schlagartig an Wert verlören, sind nicht abwegig. Erdölfirmen werden immer noch daran gemessen, wie viel Reserven sie haben. Werden neue Vorkommen entdeckt, steigen die Kurse. Ölsand- und andere riskante Projekte sind mit milliardenschweren Krediten unterlegt. Es stimmt, die US-Kohlenindustrie ist nicht wegen China pleite gegangen, sondern weil Erdgas auf einmal so billig wurde. Der Ausbau der erneuerbaren Energien könnte einen ähnlichen Effekt haben. Gut fürs Klima, aber nicht so gut fürs Finanzsystem. «Der grosse Crash von 2023 könnte die Finanzkrise von 2007 aussehen lassen wie ein ‹Blip› - ein Lichtpünktchen auf einem Radarschirm.», schreibt Michael Le Page im «New Scientist».

Christoph Bopp in der AZ Aargauer Zeitung vom 19.12.2018, „Meinung“ Seite 18.