Wo die Grossmütter Solarlicht ins Dunkel bringen

Solarenergie in Madagaskar

Ein Bild mit Seltenheitswert in Madagaskar: Im Dorf Ambakivao brennt eine Solarlampe. (Bilder: WWF Madagascar / Tony Rakotondramanana)
Voahirana Randriambola leitet das Projekt, das Madagaskar mit Strom versorgen soll. (Bilder: WWF Madagascar / Tony Rakotondramanana)
Dach mit Solaranlage – zusammengebaut von Frauen, die weder schreiben noch lesen können. (Bilder: WWF Madagascar / Tony Rakotondramanana)
Es sind die Grossmütter, die lernen, wie man solche Solaranlagen baut – im fernen Indien. (Bilder: WWF Madagascar / Tony Rakotondramanana)
Energie und Emanzipation: Wo ein Solarlicht brennt, hat nicht mehr nur der Mann das Sagen. (WWF Madagascar / Tony Rakotondramanana)
Gesündere Kinder, mehr Arbeit: Wo Solarlicht ist, ist weniger Schatten. (Bilder: WWF Madagascar / Tony Rakotondramanana)
Quelle: Schweizer Fernsehen (Autor: Th. Häusler) /

Im Inselstaat Madagaskar leben über 80 Prozent der Einwohner ohne Strom. Ein bemerkenswertes Projekt soll das ändern. Grossmütter der Bauernfamilien lernen während sechs Monaten Solaranlagen zu bauen und zu reparieren.

Sogar in der Hauptstadt Madagaskars ist Strom Mangelware. «Das Netz in Antananarivo ist oft überlastet und bricht zusammen», sagt Voahirana Randriambola. Die 44-jährige Physikerin arbeitet bei der Umweltorganisation WWF und leitet das Projekt, das ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern Zugang zur Elektrizität bringen soll.

Land ohne Leitungen
Eine gewaltige Aufgabe: Über 95 Prozent der Landbevölkerung hat keinen Stromanschluss. Viele Dörfer liegen weitab vom rudimentären Leitungsnetz – und von Strassen.
Voahirana Randriambola musste auch schon zwei Tage über die Berge klettern, um ein Dorf zu erreichen. Oder nach einer längeren Ruderpartie stundenlang durch den Busch wandern.
«Die Menschen in den Dörfern sind auf Petrollampen angewiesen oder auf Taschenlampen mit Batterien», sagt Randriambola. Pro Monat koste das eine Familie 6 bis 7 Franken, ein Viertel ihres Einkommens. Petrolleuchten bringen nur wenig Licht in die Hütten, dafür giftigen Russ. Die Abende in einem madegassischen Dorf sind dunkel und kurz.

Internat in Indien
«Es wäre sehr teuer, diese Dörfer ans Leitungsnetz anzuschliessen, die privaten Stromversorger haben kein Interesse daran», sagt Randriambola. Es brauche dringend andere Lösungen. Eine solche Lösung ist 5000 Kilometer entfernt von Madagaskar entwickelt worden.
In Indien hat der Aktivist Sanjit Roy ein Ausbildungszentrum aufgebaut, in dem arme und ungebildete Frauen trainiert werden, Solaranlagen zu bauen. Es heisst Barefoot-College, weil seine Absolventinnen und das Internat buchstäblich barfuss unterwegs sind.

Ein College, das Schule macht
Ursprünglich konzentrierte sich das College auf Indien. Es sollte Licht in indische Dörfer bringen und gleichzeitig den Frauen zu einem besseren Platz in der patriarchalen Gesellschaft verhelfen.
Legende: Es sind die Grossmütter, die lernen, wie man solche Solaranlagen baut – im fernen Indien.
Bald wurde das Konzept zum Exportschlager. Mit Hilfe der UNO absolvierten auch Frauen aus anderen armen Ländern die sechsmonatige Ausbildung im Barefoot College.
Auch der WWF nahm vor einigen Jahren Kontakt zum College auf. Voahirana Randriambola sollte madegassische Frauen auswählen und nach Indien ans Barefoot College schicken. Sie wählt in der Regel ältere Frauen aus: Sechs Monate weg von der Familie sein – das können Grossmütter einfacher als Mütter.

«Ich war sehr skeptisch»
Zuerst aber reiste die Physikerin Randriambola selbst nach Indien: «Ich war sehr skeptisch, ob Frauen, die nicht lesen und schreiben können, lernen können, wie man Solaranlagen baut.» So gehe es wohl den meisten, die zum ersten Mal von diesem Konzept hörten.
Doch Voahirana Randriambola kehrte überzeugt nach Madagaskar zurück. Trotz mangelhafter Bildung und Sprachbarrieren lernten die Frauen im Barefoot College viel mehr als nur zu basteln: «Die Frauen können nach der Ausbildung eine Solaranlage bauen, sie installieren und reparieren.» Und «Bauen» heisse nicht einfach nur zusammensetzen. Die Frauen könnten elektronische Leiterplatten löten. Nur die Batterien und die Solarmodule müssten in einer Fabrik repariert werden.

Lampen und Ladegeräte
In den Dörfern, die für das Projekt ausgewählt wurden, können die Familien zwischen drei Möglichkeiten wählen: von einer einzelnen Solarlampe bis zum System aus mehreren Lampen und Ladefunktion für Handys.
Die Familien zahlen einmalig 25 Franken und danach monatlich 1 bis 3 Franken. Das ist weniger, als die Petrolbeleuchtung kostet. Die Gebühr finanziert den Lohn der Solar-Grossmütter und die Ersatzteile. Die restlichen Kosten – für die Ausbildung der Grossmütter etwa – übernehmen der WWF und andere Geldgeber.

Schluss mit dem Russ
Das Licht habe den Menschen viele Vorteile gebracht, sagt Randriambola: «Es ermöglicht ihnen zusätzliche Tätigkeiten, weil sie abends länger arbeiten können.» Die Frauen würden dann zum Beispiel Matten flechten, die sie verkaufen.
Alle seien weniger krank, weil sie keinen Russ von den Petrollampen mehr einatmeten. «Die Kinder können abends besser lernen und sind motivierter für die Schule.» Der Strom habe in den Dörfern nicht nur im praktischen Sinn ein Licht angezündet, sondern auch im übertragenen Sinn.

«Wir Frauen können etwas erreichen»
Der WWF hat das laufende Projekt evaluieren lassen. Im Rechenschaftsbericht kommen viele Beteiligte zu Wort, zum Beispiel die Solar-Grossmutter Yollande von Ambakivao.
«Ich habe viel gelernt im Barefoot College: Wie wichtig es zum Beispiel ist, lesen und schreiben zu können. Das predige ich nun meinen Grosskindern.» Und den Frauen in ihrem Dorf sage sie: «Wir sollten uns mehr zutrauen, auch wir Frauen können etwas erreichen, wenn wir wollen.»

Der ganze Bericht ist zu finden unter: www.srf.ch > Kultur > Wissen