Editorial 05/17

Solaranlage oder Gefängnis

peter.warthmann@azmedien.ch
Peter Warthmann /

In diesen Tagen tobt der Kampf im Vorfeld der Volksabstimmung vom 21. Mai zum neuen Energiegesetz. Es beinhaltet das erste Massnahmenpaket zur Umsetzung der Energiestrategie 2050 und nennt anzustrebende Verbrauchsrichtwerte pro Person für Gesamtenergie (Absenkung gegenüber Jahr 2000 um – 16 % bis 2020, – 43 % bis 2035) und für Elektrizität (Absenkung um – 3 % bis 2020, – 13 % bis 2035). Mit einer effektiven bisherigen Absenkung beim Gesamtenergieverbrauch 2000-2015 um 14.5 % sind wir komfortabel auf diesem Pfad. Das ist erfreulich, handelt es sich doch hier hauptsächlich um importierte fossile Energie. Der Importanteil bei der Gesamtenergie liegt ja bei 75 %. Beim Stromverbrauch ist das Ziel für 2020 bereits heute erreicht. Beim Strom könnte es aber schwieriger sein, auf dem erhofften Absenkpfad bis 2035 zu bleiben. Am 21. Mai wird ein zukunftweisender Entscheid getroffen. Das neue Energiegesetz ist ein breit abgestützter Kompromiss, der grad noch knapp als mehrheitsfähig eingestuft wird. Zusätzliche gröbere Massnahmen hätten die Mehrheitsfähigkeit stark gefährdet. Ich hoffe fest, dass das nun vorliegende Gesetz angenommen wird, als nächster Schritt in eine sinnvolle Richtung. In der roten 64-seitigen Abstimmungsbroschüre steht es im ersten Abschnitt: Das neue Energiegesetz soll dazu dienen, den Energieverbrauch zu senken und erneuerbare Energien zu fördern. Und es geht um die Gesamtenergie, nicht nur um Strom, sondern auch um Brenn- und Treibstoffe.  

Die Modernisierung der Schweizerischen Energieinfrastruktur ist eine wichtige und wertvolle Investition in unsere Energiezukunft. Unsere Vorfahren haben mehrmals massiv investiert und damit für eine sichere Stromversorgung der Schweiz gesorgt. Vor etwa 100 Jahren begann der Ausbau der Wasserkraft mit zahlreichen Grossprojekten, da man weniger von deutschen Kohleimporten abhängig sein wollte. Ab den 60er-Jahren kamen dann die Kernkraftwerke. Nun steht ein neuer Investitionszyklus bevor. Wie unsere Vorfahren sollten wir jetzt wieder mutig investieren, um eine sichere, saubere und unabhängigere Stromversorgung bzw. Energieversorgung sicherzustellen.  

In gewissen Bereichen geht's weltweit ja schon ordentlich vorwärts, zum Beispiel: Die Entwicklung des Solarstrom-Markts (neu installierte Leistung) zeigt im vergangenen Jahr ein Wachstum um 50 % gegenüber 2015, hauptsächlich getrieben durch China, Amerika und Indien. In der Schweiz lag der Zubau 2016 bei rund 250 MW und damit etwa 25 % tiefer als im Vorjahr. Da muss wieder ein stärkeres Wachstum erreicht werden. Die Energiestrategie 2050 bringt die dafür dringend nötige Planungs- und Investitionssicherheit.  

Meine Erwartung, so oder so: Solarenergie-Nutzung auf dem Dach oder an der Fassade wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Bei uns wohl auch mit weniger drastischen Massnahmen als in Kenia (Tagesanzeiger 26.4.): Die Eigentümer von Hotels, Schulen und gewerblich genutzten Häusern und Wohnungen mit mehr als drei Zimmern sowie einem täglichen Wasserverbrauch über 100 Liter müssen eine Solaranlage realisieren. Sonst droht eine Gefängnisstrafe oder eine Geldbusse von etwa 10 000 Franken. Eine geforderte Solaranlage kostet in Kenia 1000 bis 2000 Franken.  

Zurück in die Schweiz: Hier ist der Netto-Stromimport im Winter bereits seit 15 Jahren der Normalfall. Und auch der Gesamtenergie-Import für die Wintermonate ist beunruhigend. Die aktuell formulierte Energiestrategie 2050 bietet nicht die Lösung für alle Herausforderungen im Bereich Energie und Klima. Aber ein Nein in dieser Abstimmung löst die anstehenden Probleme klar noch weniger. Die Gegner lehnen nur ab. Gangbare Alternativen zeigen sie nicht auf. Und ein «besseres neues Energiegesetz » findet jahrelang keine Mehrheit. Deshalb mein Aufruf an Sie: Bitte überzeugen Sie in den nächsten Tagen noch fünf Unentschlossene zur Abgabe einer gültigen Ja-Stimme.

Peter Warthmann, Chefredaktor

peter.warthmannWe do not like spam..@.. so please: No spamming!azmedienWe do not like spam..... so please: No spamming!ch