Editorial

Null Energie und Ravioli

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Peter Warthmann, Chefredatkor /

Das vorliegende «Extra 2017», die diesjährige Gemeinschaftsausgabe von HK-Gebäudetechnik und ET Elektrotechnik, ist wiederum dem Thema «Intelligente Gebäude» gewidmet. Die Intelligenz wird meistens der Gewerke-verbindenden Gebäudeautomation zugeordnet. Jede Lösung für eine einzelne Gebäudekomponente kann aber ebenso für sich allein intelligent sein. Auch das Planen und Bauen soll intelligent erfolgen, also effizient und jeder Schritt im idealen Zeitpunkt. Planen und Bauen mit BIM (vgl. Umfrage Seite 95) kommt auch in der Schweiz immer mehr in Fahrt. Unserer BIM-Umfrage zeigt: Die Interessensgemeinschaft «Bauen digital Schweiz» arbeitet aktuell mit Hochdruck an der Definition eines schweizweit brauchbaren Datenformat- Standards, nach dem die Bauteilkataloge dann einheitlich aufgebaut werden können.  

Gemäss neusten Einschätzungen des britischen Energiekonzerns BP wird die globale Energienachfrage bis 2035 um ca. 30 Prozent steigen (vgl. Hintergrund-Artikel Seite 103). Der Verkehrssektor (PKW, LKW, Schiffe, Flugze ge) wird weiterhin der bedeutendste Verbraucher von Öl bleiben. Sein Anteil am weltweiten Verbrauch soll 2035 bei nahezu 60 % liegen. Ich hoffe aber doch, dass der dabei angenommene weltweite Elektrofahrzeug-Anteil an der globalen Fahrzeugflotte von nur 5 % übertroffen wird. Natürlich ist die Sichtweise von BP die eines grossen Energiekonzerns, der sich aus Eigeninteresse nicht so schnell aus dem Markt der fossilen Energien zurückziehen will. Ziemlich nach dem Motto «mal grob weiter wie bisher». Immerhin: sogar nach den Einschätzungen von BP liegt die Erhöhung der Energienachfrage wesentlich unter dem Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts, ist gegenüber früheren Meinungen also klar entkoppelt vom Wirtschaftswachstum. Dies vor allem dank steigender Energieeffizienz durch technologische Verbesserungen. Der Kohleverbrauch soll um 2025 seinen Höchststand erreichen. Und ab 2030 soll der grösste Teil des Nachfragewachstums nicht mehr als Treibstoff für den Verkehr verbraucht werden, sondern für die Herstellung von Kunststoffen oder anderen Produkten.  

Auch der neuste Energy Outlook 2035 von BP passt offensichtlich nicht zum Pariser Klimaabkommen vom Dezember 2015, in dem sich die internationale Staatengemeinschaft zu mehr Klimaschutz verpflichtet hat. Das Abkommen trat knapp ein Jahr nach der Verabschiedung in Kraft und wurde bereits von etwa 150 der 197 Vertragsstaaten ratifiziert.  

Wie können die Widersprüche zwischen Energy Outlook 2035 von BP, also heutiger Realität inklusive dem bequemen Wunsch «weiter wie bisher» und dem Klimaabkommen verkleinert werden? Verliert die Welt weitere wertvolle Jahre, indem das lästig-fossile Klimaproblem lieber verdrängt als die unausweichliche Herausforderung entschlossen angenommen wird? Gelingt es der Politik, weltweit und für jedes einzelne Land geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, sodass noch rechtzeitig wirksame Massnahmen im Sinne des Klimaabkommens umgesetzt werden?  

Im Gebäudebereich gibt es viele überzeugende Lösungen, die bereits heute realisiert werden können, ohne dass dafür zuerst politische Mehrheiten gefunden werden müssen. Dieses Heft enthält einige Beiträge mit konkreten Beispielen für zukunftsfähige Lösungen in verschiedenen Bereichen der Gebäude- und Elektrotechnik.  

Wir haben schon über viele Nullenergie- bzw. Plusenergie- Gebäude in der Schweiz berichtet. Im Artikel ab Seite 12 wird das «Aktivhaus B10» in Stuttgart vorgestellt. Es ist ein Beispiel für konsequent nachhaltiges Bauen und erzeugt doppelt so viel Strom aus nachhaltigen Energiequellen wie es selbst benötigt. Das gilt in der Jahresbilanz. Für die Gesamtlösung «Sommer und Winter» sind zusätzlich effiziente Saisonspeicher nötig. Für die Stromversorgung zeigt das PSI: wenn die Schweiz optimal in den europäischen Strommarkt integriert wird, kann sie viel beitragen im Bereich der Speichertechnologien. Und: ein Alleingang der Schweiz würde rund das Doppelte kosten (vgl. Artikel Seite 106).  

Und was hat es mit den Ravioli auf sich? Das erklärt uns René Senn in seinem kritischen Beitrag ab Seite 4: man soll nicht übertreiben mit der Digitalisierung, wieder vermehrt auf die wirklichen Bedürfnisse des Kunden eingehen und sich immer wieder fragen: Ist das technisch Machbare im konkreten Fall auch nützlich?  

Peter Warthmann, Chefredaktor

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