Stiftung Solarenergie: aktiv in Gebieten ohne bestehendes flächendeckendes Stromnetz

Mit Solarenergie Afrikas Wohlstand fördern

Interview: Max Meyer /

Der frühere UNO-Generalsekretär Kofi Annan brachte es auf den Punkt: 620 Millionen Afrikaner können nicht warten, bis das Stromnetz in Afrika gebaut ist. Dank dezentraler Lösungen kann die Solarenergie einen wesentlichen Beitrag zu einer nachhaltigen und in die Breite wirkenden Entwicklung beitragen.

Im folgenden Interview erläutert Harald Schützeichel, ein Pionier auf dem Gebiet der Förderung der Solarenergie in Afrika, sowohl auf kommerzieller als auch auf gemeinnütziger Ebene, die speziellen Erfordernisse der Solaranwendung eines Kontinents im Aufbruch.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich für die Solaranwendung in Afrika einzusetzen?
Solarenergie in Kombination mit moderner Speichertechnik lässt sich optimal bei allen dezentralen Energielösungen einsetzen. Also Energielösungen, die auf ein aufwendiges und teures flächendeckendes Stromnetz verzichten. In Europa stehen wir vor dem komplizierten Umbruch von einer zentralen zur dezentralen Energieversorgung. In Afrika hat man es etwas leichter, weil in vielen Regionen kein Stromnetz vorhanden ist. Hier bieten Lösungen mit Solarenergie die technisch und finanziell beste Lösung.
Mich persönlich hat aber nicht allein die Technik nach Afrika getrieben, sondern der Umstand, dass man in Afrika mittels Solarenergie das Leben der Menschen zum Positiven verändern kann: Energie ist die Basis für jede wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Und Solarenergie bietet eine zuverlässige, bezahlbare und umweltfreundliche Möglichkeit zur Energieversorgung.


Was sind die Hauptherausforderungen in Afrika?
Neben den üblichen Herausforderungen in allen Märkten, wie Lieferantensuche, Produktqualität, Logistik, Zoll und Finanzierung, ist die grösste Herausforderung, ein breites Distributionsund Servicenetzwerk in ländlichen Regionen aufzubauen. Denn professionelle Installation und Wartung sind Kern jeder Solarlösung in Afrika.
Häufig sieht man Solaranlagen, die nicht mehr funktionieren, weil zum Beispiel jemand in gutem Glauben die Batterie geputzt und dabei Plus und Minus zu einem Kurzschluss verbunden hat. Dann muss jemand vor Ort sein (und nicht in der entfernten Hauptstadt), um den Schaden rasch zu beheben. Aus diesem Grund haben wir schon früh in die Ausbildung lokaler Solartechniker investiert und inzwischen einige Hundert Menschen geschult.

Welche Leistungen können durch Personen vor Ort erbracht werden?
Ein Grundprinzip meiner Arbeit ist es, dass vor Ort nur einheimische Personen arbeiten: Denn die Elektrifizierung Afrikas muss durch Afrikaner erfolgen. Die in der Stiftung Solarenergie und den verbundenen Unternehmen tätigen Afrikaner wurden in manchen Punkten zwar durch Europäer angeleitet, aber letztlich sind sie es, die den besten Zugang zu den Menschen haben, die von der Solarenergie profitieren sollen. Eigentlich einleuchtend, wenn man sich einmal umgekehrt vorstellt, dass ein ugandischer Solartechniker, der kein Schweizerdeutsch spricht, einen Schweizer Bauern von der  olartechnik überzeugen soll und mit ihm über seine Energieversorgung verhandelt. Das wird wenig Aussicht auf Erfolg haben. Unsere Partner in Afrika arbeiten inzwischen auch über Ländergrenzen hinweg zusammen, unterstützen sich gegenseitig und tauschen Erfahrungen aus. Heute kann man sagen: Die Experten für dezentrale Solarlösungen sind nicht in der Schweiz zu finden, sondern in Afrika.


Nach welchen Kriterien wählen Sie ein neues Projekt aus, immerhin ist Afrika ein riesiger Kontinent?
Bedarf für Solarenergie ist in allen Ländern Afrikas vorhanden. Ich konzentriere mich auf Länder, in denen ich vor Ort vertrauenswürdige lokale Partner finde: Das sind lokale Solarunternehmer/- innen, die wir getestet haben und die inzwischen in einem Netzwerk zusammenarbeiten, um sich gegenseitig zu unterstützen. Schwerpunkte der Arbeit in Afrika sind Äthiopien, Kenia und Uganda.


Wurden oder werden Sie durch gemeinnützige Organisationen aus Europa, schwergewichtig aus Deutschland und der Schweiz, unterstützt?
Ja, überwiegend wird die Arbeit der Stiftung Solarenergie seit 15 Jahren vor allem von engagierten Privatpersonen, Stiftungen und auch sozialen Investoren aus der Schweiz und Deutschland ermöglicht.
Sind aber Spenden überhaupt ein geeignetes Instrument, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern?
Nein! – jedenfalls, wenn es allein beim Spenden bleibt. Ich bin der Überzeugung, dass durch Spenden immer eine wirtschaftliche Entwicklung angestossen werden muss. Daher sind unsere Projekte auch immer so angelegt, dass sie zugleich das lokale Handwerk fördern, Arbeitsplätze schaffen und sich selbsttragende Einkommensperspektiven bieten. Das Ziel einer Hilfsorganisation muss ja immer sein, sich letztlich überflüssig zu machen. Die Aufgabe ist dann erledigt, wenn man die eigene Hilfsorganisation auflösen kann.
Welche Erfahrungen haben Sie mit lokalen Behörden und Organisationen gemacht?
Behörden sind auch in Afrika – wie in vielen europäischen Ländern – für eine rasche Abwicklung von Projekten generell nicht wirklich förderlich. Häufig werden zum Beispiel gesetzliche Rahmenbedingungen gezielt so gesetzt, dass sie die Solarenergie mehr behindern als unterstützen. Zu einem grossen Teil hängt das damit zusammen, dass Gelder der internationalen Entwicklungshilfe und der Entwicklungsbanken weit überwiegend in die alte zentrale Stromversorgung fliessen. Offensichtlich ist man hier nicht auf der Höhe der Technik. Da ist noch viel Entwicklungsarbeit bei den entsprechenden Organisationen in den Industriestaaten zu leisten!

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Wartung der Anlagen nach deren Inbetriebnahme gemacht und auf welche Punkte muss man dabei bereits ab Planung denken?
Die grösste Herausforderung ist nicht die Technik, sondern die Kreativität der Nutzer. Einerseits ist es schön zu sehen, dass Menschen kreativ sind, andererseits überfordern sie mit vielen Ideen die Leistung der  olaranlage. Wenn zum Beispiel eine Solaranlage einen USB-Anschluss hat, um damit einmal täglich ein  andy zu laden, kann es vorkommen, dass sich jemand vor Ort Adapter beschafft und ein Handy-Ladegeschäft aufmacht: Dann lädt er jeden Tag bis zu zehn Handys gleichzeitig und hat einen einträglichen Profit. Wenn die Solaranlage dafür aber nicht konzipiert ist, ist das vorzeitige Ende dr Batterie abzusehen.

Gibt es bereits afrikanische Hersteller von Bestandteilen einer Solaranlage
oder müssen diese (weiterhin) von ausserhalb bezogen werden?

Bezüglich der Produktherstellung haben wir in Afrika die gleiche Situation wi auch in der Schweiz: Die Produkte kommen überwiegend aus China und Indien  Wichtig ist dabei eine intensive Qualitätskontrolle, da die Hersteller dazu neigen, in die Schweiz die A-Ware und nach Afrika die C-Ware zu schicken.

Was können Sie bezüglich Kosten sagen, die anfallen um z. B. ein lokales, kleines Krankenhaus mit Strom von einer Photovoltaikanlage zu versorgen?
Eine Solaranlage für einen ländlichen Haushalt, um damit Licht und Handyladung zu ermöglichen, kostet ca. 200 Franken. Möchte man einen Solarfernseher haben, benötigt man 500 Franken mehr. Zum Vergleich: Ein Stromanschluss kostet den Energieversorger in manchen Regionen leicht mehrere tausend Franken. Und beim Stromnetz kommen monatliche Stromkosten hinzu, bei der Solaranlage entfällt dies. Ländliche Gesundheitsstationen versorgen wir mit Licht und Solarkühlschränken (für Medikamentenkühlung). Der Preis für eine solche Solaranlage beträgt durchschnittlich 2500 Franken. Auch hier ist die Versorgungssicherheit ein wesentlicher Vorteil der Solaranlage: Während das Stromnetz (oder auch der Dieselgenerator) häufig ausfällt, arbeiten Solaranlagen bei professioneller Installation absolut zuverlässig und stellen die Kühlsicherheit her. Gesundheitsstationen, die keinen Strom zur Medikamentenkühlung haben, leiden stark darunter, dass noch nicht einmal einfache Impfungen durchgeführt werden können.

Was können oder könnten schweizerische Firmen konkret beitragen, um die Solaranwendung in Afrika noch besser zu fördern?
Die beste Förderung besteht darin, die dezentrale Energieversorgung auch in der Schweiz «hoffähig» zu machen. Denn in Afrika orientiert man sich stark an Europa und stellt fest: Wenn Europa stark wurde durch zentrale Energieversorgung, unter Einbezug der Atomenergie, warum sollen wir nicht ebenfalls davon profitieren? Um das Ansehen der dezentralen Energieversorgung zu stärken, müssen wir in Europa vorangehen. Die Entwicklung geht zum Glück derzeit in diese Richtung.
Darüber hinaus ist sicher der Erfahrungsaustausch sehr wichtig: Ein afrikanischer Solarunternehmer hat zwar ganz andere Probleme als ein Schweizer Unternehmer. Aber beide sind Unternehmer und können sich als solche austauschen. In Uganda haben wir ein Netzwerk von fünf Solarunternehmer/-innen, die sich sehr gerne mit Schweizer Firmenleiter/-innen über die Probleme des Unternehmensaufbaus im jeweiligen Solarmar  austauschen würden. Afrikanische Unternehmer sind unglaublich offen für Informationen, die ihren Horizont erweitern.

www.solar-federation.org
www.stiftung-solarenergie.org