Im Interview: Thomas Fischer, Leiter Siemens Building Technologies Schweiz

Mehr Komfort trotz weniger Energie

Thomas Fischer: «In Zukunft wird die Gebäudeautomation neben den angestammten
Interview: Franz Lenz /

Siemens Building Technologies ging aus den ehemaligen Unternehmen Landis & Staefa und Cerberus hervor. Diese Division der Siemens Schweiz AG steht für höchste Energieeffizienz und Komfort in Gebäuden sowie Brandschutz und Sicherheit. Wir befragten Thomas Fischer über den Bereich Gebäudeautomation. Welchen Nutzen bringt diese den Immobilienbesitzern wirklich?

Herr Fischer, was bedeutet eigentlich eine «gediegene» Gebäudeautomation?

Thomas Fischer: Der Begriff «gediegen» lässt natürlich sehr viel Ermessensspielraum, von funktional bis luxuriös. Funktional heisst für uns, dass die Nutzer mit einfacher Bedienung den von ihnen gewünschten Zustand des Gebäudes oder Raums herstellen können – und dass die Gebäudeautomation gleichzeitig und automatisch einen Energieverbrauch ohne Nutzen verhindert.

Welche Anwendungen eignen sich spezifisch für Einfamilienhäuser und Überbauungen allgemein?

Fischer: Für neue Einfamilienhäuser sind spezifische Automationslösungen für Heizung, Lüftung, Beleuchtung und Beschattung wie unser Synco Living heute fast schon Standard. Für grössere neue Wohnüberbauungen bietet sich unser Desigo TRA (Total Room Automation) an, während wir in kleineren Überbauungen vermehrt ebenfalls Synco Living finden. Das Home Automation- System bietet sich darüber hinaus aber auch speziell für die Modernisierung älterer Wohnungen an, da die wesentlichen Sensoren und Aktoren auch als funkgesteuerte Modelle erhältlich sind.

Und speziell bezüglich Energiemanagement/Wärme/Raumluft ist es nur ein wenig mehr Komfort, oder entstehen auch Kostenvorteile?

Fischer: Moderne Gebäudeautomation hilft, signifikant Energie zu sparen, indem Licht automatisch aus- und wieder eingeschaltet wird, in dem nur Räume beheizt und belüftet werden, in denen sich Menschen aufhalten oder demnächst aufhalten werden, und indem automatisch beschattet wird, um unnötige Kühlung zu vermeiden. Je nach Zustand des Gebäudes macht das zwischen 10 Prozent bei Neubauten und mehr als 30 Prozent bei wenig gedämmten Altbauten aus. Und das trifft für Zweckbauten genauso zu wie für Wohnbauten. Weniger Energieverbrauch bedeutet klar auch weniger Kosten.

Aber Gebäudeautomation benötigt doch mehr elektrische Energie? Wie verträgt sich dies mit dem Wunsch nach der 2-Kilowatt-Gesellschaft und wo bleiben die Kostenvorteile?

Fischer: Natürlich haben Gebäudeautomationssysteme einen Eigenverbrauch. Der ist aber in der Regel im Bereich weniger Prozente des Primärverbrauchs der regulierten Systeme. Durch Energieeinsparungen von 10 bis 30 Prozent auf der Primärseite wird der Eigenverbrauch der Gebäudeautomation um ein Vielfaches überkompensiert. Um diese Effekte zu quantifizieren, laufen derzeit Forschungsprojekte an mehreren Hochschulen in der Schweiz und in Europa.

Was soll denn in Zukunft in Gebäuden mit Null-Energie-Verbrauch noch automatisiert werden?

Fischer: Selbst wenn das Gebäude keine traditionelle Heizung mehr hat und Strom über Photovoltaik oder lokale Windräder produziert wird, wollen wir ja abends kaum bei Kerzenlicht lesen. Oder mit anderen Worten: Die Gebäudeautomation wird neben den angestammten Aufgaben auch das lokale Energiemanagement übernehmen. Konkret heisst das, den produzierten Strom nur dort zu verwenden, wo er sinnvollerweise gerade gebraucht wird, und zugleich die Speicher für die Nacht oder den nächsten – bewölkten – Tag zu laden.

Was ist bezüglich Nachrüstung und Automatisierung bei älteren Immobilien möglich?

Fischer: Grundsätzlich das Gleiche wie bei Neubauten. Da die Verkabelungskosten aber dann rasch signifikant werden (wenn man nicht schon Kabelkanäle hat), bietet sich dann eine Lösung auf der Basis von Funkmodulen an. Moderne Systeme arbeiten dabei «vermascht», das heisst die einzelnen Module sind zugleich Empfänger und Sender, wodurch eine gute Gebäudedurchdringung ohne zentrale Antennen möglich ist und zugleich die Sendeleistung minimiert werden kann – diese ist geringer als die Abstrahlung einer Energiesparlampe.

Sind die Möglichkeiten der neuen Techniken für ältere Menschen noch begreifbar? Statt einer Vereinfachung des Lebens, müssen sie immer mehr komplizierte Technik verstehen?

Fischer: Wer mit einem Smartphone umgehen kann, hat die grösste Hürde schon übersprungen. Wer davor Angst hat, kann immer noch einen Profi als Installateur beauftragen, denn sehr viele Funktionen kann man wirklich automatisieren. Zum Beispiel kann man die Automatisierung auch hinter traditionellen Schaltern verstecken.

Und wie ist das bei Stromausfall? Wie funktionieren dann Storen, Licht, Sicherheit, Wärme/Kälte, Lüftung, usw.?

Fischer: Zunächst einmal: Ohne Strom geht gar nichts. Kein Licht, keine Heizung (weil die Umwälzpumpe nicht mehr läuft), nach ein paar Stunden kein Mobilfunk und an der Tankstelle kein Benzin (wieder die Pumpe) mehr, und der Supermarkt bleibt auch geschlossen (die elektrische Schiebetür). In meinem Heimatort Köniz haben wir das nach dem Lothar-Orkan 1999 erfolgreich ausprobiert. Anders sieht das aus, wenn man eine eigene Photovoltaikanlage hat: Dann kann die Gebäudeautomation weiterlaufen, das Energiemanagement sorgt dafür, dass der Batteriespeicher für die Nacht geladen wird, sodass uns das Licht bleibt und die Wärmepumpe weiterläuft.

Aussage Siemens: «Mit Gamma-Gebäudesystemtechnik von Siemens lassen sich Gebäude auf  einfache Weise an Nutzerwünsche anpassen.» Ist dies wirklich so einfach? Bei bestehenden Gebäuden braucht es zusätzliche Verkabelungen und etliche bauliche Änderungen. Und wie steht es mit den Kosten?

Fischer: Fangen wir mit den Kosten an: Wenn wir die Heizungsregelung in den einzelnen Räumen eines Gebäudes automatisieren, dann machen sich die Investitionen in 3 bis 5 Jahren durch die eingesparte Energie bezahlt, abhängig wiederum vom Zustand und von der Nutzung des Gebäudes. Bei der Automation der Beleuchtung dauert das etwas länger, dafür kann man dann aber auch noch ausgesprochene Komfortwünsche für Lichtszenarien tatsächlich einfach realisieren. Und auf zusätzliche Verkabelungen können wir wie oben beschrieben meistens verzichten.

Sind weitere Innovationen von Siemens in mittelbarer Zukunft zu erwarten, oder ist die Spitze der Fahnenstange erreicht?

Fischer: Unser Building Technologies Headquarter in Zug, von dem aus die weltweiten Siemens-Aktivitäten im Bereich Gebäudetechnik gesteuert werden, gibt jährlich einen signifikanten neunstelligen Betrag für Forschung und Entwicklung aus. Wir haben noch viele Ideen für innovative, neue Produkte oder für die Weiterentwicklung bestehender Produkte und Systeme. Ein Schwerpunkt wird dabei die immer weitergehende Integration aller gebäudetechnischen Gewerke sein.

Ein Blick in die Ferne: Steuern die Menschen in Zukunft ihre Haustechnik über implantierte Chips statt über das Handy, die Armbanduhr und ähnliche Geräte?

Fischer: Technisch gibt es die implantierten Chips schon, zumindest für den Zutritt in einigen angesagten Clubs «muss man das haben». Ob sich das aber durchsetzt, ist eine Frage, die ich
mich nicht zu beantworten traue. Ich bin skeptisch, aber die Zukunft dauert noch lange…

Thomas Fischer
Thomas Fischer erwarb nach dem Studium von Physik und Germanistik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main während zweier Jahre in einer deutschen Maschinenbaufirma erste Berufserfahrung. 1988 trat er in der damaligen Ascom Hasler AG eine erste Stelle in der Schweiz an. Als Verantwortlicher für Produkte und Dienstleistungen im Bereich grosser privater Telekommunikationsanlagen war er massgeblich an der Expansion des Bereichs in Europa beteiligt.
Nach dem Wechsel zu Siemens Schweiz AG im Jahr 1998 baute er ab 2000 einen selbstständigen Geschäftsbereich auf, der Dienstleistungen für öffentliche und private Telekommunikationsanlagen anbot und in der Folge das Geschäftsvolumen auch in der Krise 2001 markant steigern konnte. Seit dem Jahr 2005 leitet er den Siemens-Bereich Building Technologies in der Schweiz, seit 2013 in Südeuropa.
Thomas Fischer stellt die kundenorientierte Dienstleistungserbringung einer engagierten Mitarbeiterschaft immer in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten. Er engagiert sich für die Ingenieur-Ausbildung in der Schweiz als Stiftungsrat der Stiftung «bilding» und ist seit 2009 Bürger von Köniz.

www.siemens.ch/buildingtechnologies