Hans Ruedi Schweizer ist Referent am Europa Forum Luzern vom 16. November 2015

Energiewende: «Technologisch sind wir bereit»

Hans Ruedi Schweizer ist seit 1987 Präsident und Delegierter des VR der Ernst Schweizer AG. Er trat bereits 1977 in das Familienunternehmen ein und baute den Bereich Sonnenenergie auf. Er gehört seit 1980 der Geschäftsleitung und dem VR an und übernahm 1985 die Unternehmensleitung. Er ist Vorstandsmitglied der Agentur für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz (AEE) sowie Mitglied in verschiedenen Institutionen zur Förderung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien.
Flexibilität bei der Nutzung von Solarwärme: Leistungsstarke Grossflächenkollektoren «Doma Flex» der Ernst Schweizer AG sind in vielen Standardgrössen und als Sonderlösungen erhältlich.
Interview: Ruth Koch /

Europa und die Schweiz stehen vor richtungsweisenden Energie-Entscheiden. Die Energiestrategie 2050 des Bundesrats steht derzeit in der politischen Diskussion. Hans Ruedi Schweizer, Präsident des Verwaltungsrats der Ernst Schweizer AG, ist Referent am Europa Forum Luzern von Mitte November 2015. Im Interview erläutert er, weshalb der Umbau der Energiewirtschaft möglich und wichtig ist.

Welche Rahmenbedingungen sind nötig, damit die Energiewende gelingt?

Hans Ruedi Schweizer: Die Energiewende braucht in erster Linie und vor allem verlässliche Investitions-Bedingungen. Sie braucht Spielregeln, die Planungssicherheit geben. Die Politik ist deshalb gefordert. Sie definiert, was Gültigkeit hat und auf welche Energieversorgung unser Land in Zukunft bauen soll. Ist das geklärt, wird die Wirtschaft den Umbau zügig vorwärtstreiben. Technologisch sind wir dafür längst bereit.

Welche Rolle spielt die Energiestrategie des Bundes für den Werkplatz Schweiz, d. h. für KMU und für neue Arbeitsplätze?

Wir erachten den Umbau von nicht erneuerbaren Energien (fossile und Kernbrennstoffe) hin zu Cleantech und intelligenten Lösungen als grosse Chance für den Schweizer Werkplatz. Forschung und Wissenschaft sagen, der Weg hin zu erneuerbarer Energie und Energieeffizienz-Steigerung sei richtig. Die ETH kommt zum Schluss, dass ein Energiemix mit hohem Anteil erneuerbarer Energie anspruchsvoll, aber machbar ist. Wir haben eine technologische Herausforderung in Teilbereichen wie der Energiespeicherung. Wir haben aber auch die besten Fachhochschulen und Universitäten, und wir sind vor allem eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt. Die Schweiz und mit ihr unsere Wirtschaft wird von diesem Jahrhundertprojekt profitieren. Davon bin ich als Unternehmer überzeugt.

Für welche Branchen sehen Sie besondere Chancen durch die Energiewende?

Für alle Branchen, die sich mit energieeffizienten, erneuerbaren und intelligenten Energielösungen auseinandersetzen. Wir sind daran, die Strom- und Wärmeversorgung der Schweiz neu zu bauen, basierend auf einheimischen und in den meisten Fällen unendlich verfügbaren Ressourcen. Chancen bietet die Energiewende deshalb allen Technologie- und Dienstleistungsunternehmen sowie Tausenden von Gewerbebetrieben in der ganzen Schweiz. Sei es der Sanitärinstallateur, der Heizungstechniker, Fensterbauer oder Solarunternehmer – alle können mit Produkten und Dienstleistungen überzeugen und für das eigene Unternehmen Einkommen und Arbeitsplätze auf Jahrzehnte hinaus sichern. Diese Nachfrage steigt ganz generell. Und mit dem Qualitätsversprechen «Made in Switzerland» wird die Schweizer Cleantech-Wirtschaft auch auf dem globalen Markt eine wichtige Rolle finden.

Wo braucht es noch besondere Anstrengungen?

Die Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt, das nicht nur die gesamte Energiebranche betrifft. Die Politik ist in hohem Masse gefordert, nicht nur langfristige Ziele und Leitplanken zu setzen, sondern auch die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Energiewende funktionieren kann. Die Unternehmen sind gefordert, die Chancen der Energiewende zu erkennen und zu nutzen. Dafür braucht es die Bereitschaft, Neues zu wagen. Innovation zeichnet die Schweizer Wirtschaft aus. Sie war der Schlüssel zu unserem Erfolg in den letzten 200 Jahren. Daran sollten wir anschliessen. Und schlussendlich ist die gesamte Gesellschaft in ihrem Verhalten gefordert: Es braucht einen neuen und effizienten Umgang mit Energie.

Wie lassen sich Wirtschaftlichkeit und Energieeffizienz vereinbaren?

Wirtschaftlichkeit und Energieeffizienz sind keine Gegensätze, ganz im Gegenteil. Mehr Effizienz führt zwangsläufig zu einer besseren Wirtschaftlichkeit – nicht nur betreffend Energie. Die Ernst Schweizer AG verfolgt seit 1978 eine konsequent auf Effizienz ausgerichtete Energiestrategie. Unser Unternehmen schaffte die Entkoppelung des Energieverbrauchs vom Unternehmenswachstum mit verschiedenen Energieeffizienz- Massnahmen, unter anderem bei der Infrastruktur, den Anlagen und dem Verhalten der Benutzerinnen und Benutzer. 2014 brauchten wir weniger Energie als 1978, obwohl wir Umsatz und Arbeitsplätze verdoppelt haben.

Im Gebäudepark stehen nach wie vor grosse Mengen fossile Energieträger im Einsatz. Ist hier die Wende zu Erneuerbaren realistisch?

Die Schweiz tut gut daran, sich aus der fossilen Abhängigkeit zu befreien. 40 Prozent des Schweizer Energieverbrauchs werden heute für Heizung und Warmwasser benötigt. Der grösste Teil davon wird mit fossiler Energie bereitgestellt. Die im Rahmen der neuen Energie- und Klimapolitik geplanten Investitionen in die Gebäude-Energieeffizienz werden diese Abhängigkeit kappen und Schweizer Arbeitsplätze schaffen. Das ist eine intelligente Form von Wirtschaftspolitik, welche die eigene Wettbewerbsfähigkeit steigert, die negativen Folgen eines starken Frankens abfedert und die sich jetzt so kostengünstig wie noch nie realisieren lässt.

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