Rückblick: SES-Fachtagung in Zürich vom 10. November 2017

Energiestrategie 2.0 - jetzt nachlegen

In seiner «Keynote»-Präsentation stellte Marco Steinberg einige strategische Überlegungen zum Marktdesign vor. Beim Suchen von sinnvollen Energielösungen für die Zukunft sollten verschiedene Faktoren einfliessen: Umwelt, Architektur, Verhalten, Energie, Planungsprozesse und Geschäftsmodelle müssen berücksichtigt werden. (Referat Marco Steinberg)
Lebendiges Politpodium: Bernhard Guhl (NR AG, BDP), Bastien Girod (NR ZH, Grüne), Martina Munz (NR SH, SP),
Moderatorin Danielle Lalive d’Epinay, Christian Imark (NR SO, SVP) und Damian Müller (SR LU, FDP). (Bild: Noemi Tirro)
Pro und Kontra Strommarktliberalisierung: WOZRedaktorin Susan Boos, Moderatorin Danielle Lalive d’Epinay und SP-Grossrat Ruedi Rechsteiner.
Jasmin Staiblin, CEO der Alpiq Holding AG: Der Strommarkt von morgen wird digitalisiert, dezentral und dekarbonisiert sein. (Bilder: Alan Hawkins)
Alan Hawkins /

Mit einer breiten Auswahl an Informationen und Meinungen wurden die über 230 Anwesenden über die zu realisierenden Massnahmen des Programms «Energiestrategie 2050» informiert. Ein erster «Keynote»-Beitrag wurde von Marco Steinberg, Strategieexperte aus Helsinki, präsentiert.

Er forderte die Zuhörer auf, aus ihren bestehenden Denkstrukturen auszubrechen und sich mehr im «Querdenken» zu üben. Alte Strukturen in der Politik und in der Verwaltung sollten neu überlegt und bestehende Regime hinterfragt werden. Die Sicht der (energetischen) Dinge sollte offen und mutig transformiert werden. So müssten unsere bestehenden, historisch gewachsenen Ämterstrukturen umorientiert werden, um so unsere heutigen Bedürfnisse abzudecken.

Strommarktöffnung
Ein dominierendes Thema der Veranstaltung war die Strommarktöffnung. Jasmin Staiblin, CEO der Alpiq, referierte kompetent und, für eine Vertreterin der Elektrizitätswirtschaft erfrischend offen, über die Probleme der heutigen Stromwirtschaft. An Selbstkritik wurde nicht gespart: Die Alpiq hat laut Staiblin in der Vergangenheit die erneuerbaren Energien unterschätzt und sich auf die Kernkraft fokussiert. Weiter diskutierte Staiblin die unterschiedlichen Chancen und Gefahren, welchen die im offenen europäischen Strommarkt agierenden Grossunternehmen wie Axpo und Alpiq ausgesetzt sind. Auch die Optionen für die lokal operierenden Energieversorger wurden angeschaut. Weil der Strommarkt in der Schweiz noch nicht vollständig geöffnet ist, sind die lokalen und regionalen Versorger in einem eher geschützten Bereich tätig. Für die grossen international tätigen Stromunternehmen sind die niedrigen Strommarktpreise, die heute an der Energiebörse herrschen, ein grosses Problem, meinte Staiblin (Referat-Video: Link siehe unten).

Marktanreize
Gustav Resch von der Technischen Universität Wien forderte in seinem Vortrag spezielle Förderanreize für die erneuerbaren Formen der Energie. Resch bestätigte, dass die tiefen Marktpreise für Strom ein Hauptproblem seien. Solche Preise erlauben keine Investitionen:Somit werden weitere Anreize benötigt, um die Wende im Energiebereich vorwärts zu bringen. Auf europäischer Ebene existieren eine Vielzahl von Programmen und Massnahmenpaketen. Der Trend zeige weg von Subventionen und fixen Einspeisevergütungen hin zu wettbewerblichen Ausschreibungen und Auktionen. Die Ausgestaltung dieser Massnahmen sei aber in den verschiedenen Ländern noch sehr unterschiedlich. Sein Fazit: Erneuerbare Energien bedürfen heute und wohl auch morgen gezielter Marktanreize, will man den angestrebten Wandel unseres Energiesystems zeitgerecht erreichen.

Streitgespräche
Als Abwechslung zu den an solchen Veranstaltungen üblichen Folienpräsentationen veranstaltete die Energiestiftung zwischen den Vortragsblöcken kurze Streitgespräche zu Energiethemen. Dabei wurden von den «Kontrahenten» präsentierte Kurzvorträge mit geleiteten Diskussionen ergänzt. Auch wurden Fragen aus dem Publikum beantwortet. Ein erster, lebendiger Beitrag zum Thema «staatliche Unterstützung von neuen Technologien» wurde von Thomas Schmidt, Professor für Energiepolitik an der ETH Zürich und Patrick Dümmler von Avenir Suisse bestritten.

Stromverteilung
Ein zweiter Vortragsblock wurde dem Thema «Stromverteilsysteme» gewidmet. Zuerst referierte Gabriella Hug, Professorin für elektrische Energieübertragung an der ETH Zürich, über die Betriebssicherheit im elektrischen Netz. Das traditionelle Netz sei durch zentrale und gut steuerbare Stromerzeugung gekennzeichnet. Der Stromfluss sei denn auch nur in einer Richtung: vom Kraftwerk zum Konsumenten. In einer Zukunft mit dezentraler, lokaler Stromproduktion wird die Richtung der Stromflüsse zum Teil ändern. Bandenergie aus Kernkraftwerken wird wegfallen und durch dezentral geerntete Energie ersetzt. Lastvorhersagen, das Ausbalancieren von Abweichungen sowie Frequenzhaltung werden in der Zukunft anspruchsvoller. Dazu erläuterte Hug verschiedene mathematische Regelansätze, die zur Anwendung kommen könnten.

Bürger-Elektrizitätswerk
Tanja Gaudian vom EW Schönau referierte über die Erfolge des «Bürger-Elektrizitätswerks » in Süddeutschland. Als Reaktion auf den Atomunfall in Tschernobyl kaufte die Genossenschaft 1997 das lokale Stromversorgungsnetz – trotz heftiger Opposition der damaligen Netzbetreiber und der Politik. Die Genossenschaft fördert die Nutzung von erneuerbaren Energien und energieeffizienten Technologien. Ziel ist laut Gaudian der Vertrieb von Ökostrom und die Realisierung von massiven Fortschritten beim Ausbau der erneuerbaren Energien in allen Sektoren (Strom, Wärme, Transport). Die Genossenschaft ist heute auch überregional tätig. Weitere «Stromrebellen» sind ebenfalls in anderen Teilen Deutschlands aktiv.

Pro und Kontra Strommarktliberalisierung
Nach dem Mittagessen stand ein erstes Podiumsgespräch auf dem Programm. Energie-Ökonom Rudolf Rechsteiner und WOZ-Chefredaktorin Susan Boos debattierten über die Strommarktliberalisierung im Zusammenhang mit der Energiewende. Es zeigte sich, dass bei der Strommarktliberalisierung nicht nur das «ob», sondern mehr noch das «wie» im Vordergrund steht.

Neue Geschäftsleiterin der Energiestiftung SES
Seit dem 1. Januar 2018 wird die Geschäftsleitung der Schweizerischen Energiestiftung SES von Rita Haudenschild wahrgenommen. Sie löste den langjährigen Geschäftsleiter Jürg Buri ab. Als Vizepräsidentin der energiepolitischen Kommission des schweizerischen Städteverbands und als ehemaliges Mitglied des Stiftungsrats der SES ist sie mit den Herausforderungen der schweizerischen Energiepolitik bestensvertraut.

Konsum
Im dritten Tagungsblock ging es um Konsum. Corinne Ruesch Schweizer, Forscherin beim Forschungsprogramm NFP 71, zeigte mit neusten Studienresultaten auf, dass das Verhalten von Menschen als Stimmbürgerinnen und Stimmbürger nicht immer dasselbe ist, wie wenn sie Konsumierende sind. In ihrer umfangreichen Präsentation beleuchtete sie die Komplexität, die entsteht, wenn es um das Verhalten bei Abstimmungen und Umfragen geht. Dies im Vergleich zum Verhalten, wenn es um den tagtäglichen Energiekonsum geht. Bruno Oberle, ehemaliger Direktor des Bundesamts für Umwelt BAFU und heute Professor für Grüne Wirtschaft an der Universität Lausanne, gab zu bedenken, dass die Konsumierenden die absolute Entscheidungskompetenz besitzen. Sie erwarten auch, dass Entscheidungen umgesetzt werden. Dabei seien sie einem gemeinschaftlichen Nutzen gegenüber positiv gestimmt. Erfreulicherweise entwickeln sich oft Ideen und Wünsche von Pionieren zu grundsätzlichen, gemeinsam umgesetzten Lösungen.

Mobilität mit Preissignalen
In einer weiteren Diskussion wurden Fragen zur Mobilität erörtert. Sara Stalder von der Stiftung Konsumentenschutz plädierte für eine Mobilität ohne Preissignale, die das Verhalten der Verbrauchenden beeinflussen. Silas Hobi, Geschäftsleiter vom Verein umverkehR verglich die Situation mit der Einführung des Frauenstimmrechts: Es vergingen dreissig Jahre, bis dass der letzte Kanton dieses einführte: Mobilitätspricing sei wichtig, dessen Einführung gehe aber auch nicht von heute auf morgen vonstatten.

Politpodium
Nach einer Kaffeepause erfolgte als Abschluss der Tagung ein ergiebiges Podiumsgespräch mit den National- und Ständeräten Bastien Girod (Nationalrat Zürich, Grüne), Martina Munz (NR Schaffhausen, SP), Bernhard Guhl (NR Aargau, BDP), Damian Müller (Ständerat Luzern, FDP) und Christian Imark (NR Solothurn, SVP). Neben den dem politisch interessierten Publikum gut bekannten Positionen der Parteien wurden wichtige Pflöcke bezüglich unserer Energiezukunft eingeschlagen. «Es müssen weitere Massnahmen beschlossen werden», war der Tenor der Ausführungen – dies besonders bei Vertretern der Links- und Mitteparteien. Ein Video der lebendigen Diskussionen – auch mit Voten aus dem Publikum – ist auf dem Webauftritt der Energiestiftung verfügbar (Link siehe unten). SES-Präsident und Nationalrat Beat Jans schloss die Veranstaltung mit dem Appell ab, dass gemeinsam ein Ziel festgelegt und entsprechende Massnahmen ergriffen werden müssen. «Wir müssen nachlegen, das erste Massnahmenpaket von Energie 2050 reicht nicht aus», meinte Jans. Das zweite Paket muss kommen!

 

Präsentationen und Videos der SESFachtagung vom 10. November 2017: www.energiestiftung.ch › Informieren › Veranstaltungen