Editorial 06/17

Energie und Politik in Belgien

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Manuel Fischer, Redaktor /

Ein Besuch in Belgien, dem Land der verfeinerten Bierkultur, der Pralinen und der berühmten Velofahrer ist auch eine Reise in eine historische Kernzone Europas. Bereits im späten Mittelalter entstand im Landesteil Flandern ein Netz von vergleichsweise grossen Städten, die von Fernhändlern und Gewerbetreibenden bevölkert war. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Belgien nach England frühzeitig zu einem stark industrialisierten Land. Dieses Mal war das französischsprachige Wallonien mit seiner Schwer- (Kohle, Stahl) und Textilindustrie der Taktgeber, heute eher Sorgenkind der komplizierten Nation, die auch bekannt ist für ihren unrühmlichen Sprachenstreit.  

Unter den Bedingungen eines für Aussenstehende komplizierten politischen Systems müssen tragfähige Lösungen gefunden werden, auch in der Energiepolitik. Ebenso wie viele andere Länder steht Belgien vor der Herausforderung, das bestehende fossil-nukleare Energiesystem zu einer nachhaltigeren Energiewirtschaft auf der Basis erneuerbarer Energien zu transformieren. Bereits 2003 beschloss Belgien euphorisch unter einer Regierungskoalition mit Beteiligung der Grünen den Atomausstieg bis zum Jahr 2025. Doch die Kernenergie hatte 2014 als Energieträger mit rund 47 % den bedeutendsten Anteil an der Stromerzeugung in Belgien (Erdgas 27 %, Abfall und Biokraftstoff 7,9 %, Windenergie 6,5 %, Kohle 6,2 %, Solar 4 %).  

Ein kritischer Blick auf das Angebot elektrischen Stroms: An einem gewöhnlichen Arbeitstag im Winter sind belgische Haushalte und Unternehmen von ungefähr 11 000 Megawatt elektrischer Leistung abhängig. Nachdem mehrere Reaktoren im Dezember desselben Jahres aufgrund von Pannen vom Netz genommen werden mussten, standen nur noch 7000 MW zu Verfügung. Fast 4000 MW mussten aus den Nachbarländern importiert werden. Solche Beinahe-Blackouts in der Stromversorgung veranlassten die Regierung, einen detaillierten Notfallplan auszuarbeiten, der kontrollierte Stromabschaltungen vorsieht.  

Jüngst folgte ich einer Einladung einer nach Löwen (Region Flandern) ausgewanderten Schweizerin. Hier offenbarte sich ein interessantes Detail zur Stromnachfrage in Belgien. Die Wohnung ist mit einer Elektro-Widerstandsheizung bestehend aus zwei Heizkörpern ausgestattet. Diese Heizungsform kommt nicht selten in Wohnhäusern vor, wenn diese nicht mit einer Zentralheizung – häufig mit Gaskessel – ausgerüstet sind. Bekanntlich verbrauchen Elektrodirektheizungen gerade im Winter viel Strom. Hierzulande sind sie wegen ihres geringen Gesamtwirkungsgrades (verglichen mit Wärmepumpen) verpönt.  

Im Zug zurück nach Hause erblickte ich auf nicht wenigen Einfamilienhäusern Photovoltaik-Anlagen – vorab im reicheren Flandern, während solche in Wallonien auf den bescheidenen Reihensiedlungen sehr selten zu entdecken sind. Diese Diskrepanz führt vor Augen, dass die Energiewende keine individuelle, sondern eine eminent politische Frage ist. In der EU-Zentrale in Brüssel brüten Experten über die Energiezukunft Europas und kommen zum Schluss: «Regionale Energienetzwerke müssen in Zukunft eine Schlüsselrolle in der Versorgung und Dekarbonisierung unsere Städte spielen.» Wir bleiben am Thema dran.  

Manuel Fischer, Redaktor

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