Umfrage von Economiesuisse und Ingenieurverband STV

Der Ingenieurmangel ist hausgemacht

Firmen mit weniger Schwierigkeiten bei der Besetzung von Ingenieurstellen schauen weniger auf ein möglichst hohes Matching von Profilen, sondern auf zu erwartende Kompetenzen des Berufsbilds.
Quelle: Nordwestschweiz, 9.5.2017; S. 9 (Auszug) /

Der Mangel an in der Schweiz ausgebildeten Ingenieuren ist hausgemacht. Einerseits werden zu wenige Ingenieure ausgebildet, um die stark gestiegene Nachfrage zu befriedigen. Andererseits sind die Arbeitgeber oft zu wählerisch.

Neun von zehn Führungskräften, die Ingenieure anheuern, finden die Besetzung einer Stelle mindestens als schwierig, wie aus einer Umfrage des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse und des Ingenieurverbands STV hervorgeht. An derbereits ein Jahr alten Umfrage nahmen 3300 Ingenieure teil, davon etwa ein Drittel als Führungskräfte.
Und von diesen Führungskräften, die an der Besetzung einer Ingenieurstelle beteiligt waren, sagten 28 Prozent: «Wir wollen nur Kandidaten, die voll ins Profil passen.» Ein Fünftel gab an, den Kandidaten kein genügend gutes Angebot machen zu können. Überproportional stark sei das Problem in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie  (MEM-Industrie).
«Dies überrascht nicht, denn die MEM-Unternehmen sind oftmals stark exportorientiert.» Viele Unternehmen würden unter dem starken Schweizer Franken und der schwächelnden europäischen Konjunktur leiden, hiess es in der Studie. Sie steckten noch in der Restrukturierung und hätten deshalb Schwierigkeiten, Mitarbeiter auf ein Stellenprofil hin einzuarbeiten, sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch.
Die Diskrepanz zwischen den Stellenanforderungen und den Qualifikationen der Kandidaten ist zum Teil erheblich. Am grössten ist der Mangel bei Weiterbildungen, erreichten beruflichen Erfolgen und sozialen Kompetenzen wie etwa Teamfähigkeit oder sicheres Auftreten.

Flexible Arbeitgeber fahren besser
Firmen, die keine Schwierigkeiten bei der Besetzung von Ingenieurstellen hätten, würden sich bei ihren Anforderungen flexibler zeigen, sagt STV-Vizepräsident Daniel Löhr. Diese Unternehmen würden weniger genau auf das Profil schauen, sondern darauf, was der Kandidat grundsätzlich mitbringe, und diese dann einarbeiten. «Ein Ingenieur kann sich mit neuen Themen auseinandersetzen. Das wird vielerorts vergessen. Man hat immer das Gefühl, wenn ein Ingenieur noch nicht alles kann, dass er das auch nie lernen wird», sagt Löhr weiter. Er appelliere
an die Unternehmen, sich flexibler zu zeigen.
Ein weiterer Grund für den Ingenieurmangel ist, dass jeder Dritte seiner angestammten Tätigkeit den Rücken kehrt. Als Hauptgrund für den Funktionswechsel wurden die besseren Entwicklungsmöglichkeiten genannt. Auch die Unzufriedenheit mit dem Inhalt der Arbeit ist ein wichtiger Faktor. Für einen Viertel der Antwortenden war der Lohn zu tief. Der jährliche Medianlohn von Ingenieuren beträgt laut dem STV 117 000 Franken.